Schlechte Nachrichten vor der Bekanntgabe der PISA-E Vergleichsstudie: Die Gruppe der 15-Jährigen, die nicht über basale Fähigkeiten im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften verfügt, ist nach Informationen des “Tagesspiegels” in den Stadtstaaten und mehreren Ländern im Westen der Bundesrepublik weiter gewachsen.
Das geht aus einer 24-seitigen internen Analyse hervor, die der Wissenschaftliche Beirat für die Bildungspolitik in Bund und Ländern den Kultusministern und der Bundesbildungsministerin im Sommer zugeleitet hat. In dem Papier, das dem Tagesspiegel vorliegt, schreiben die Wissenschaftler, die Risikogruppe unter den Schülern sei trotz der jüngsten Anstrengungen gegenüber der Pisa-Studie von 2003 in einer “nicht tolerablen Größenordnung” angewachsen.
“Besonders betroffen werden voraussichtlich die Stadtstaaten und die Länder Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sein”, heißt es in dem Schreiben, das dem “Tagesspiegel” vorliegt. Der wissenschaftliche Beirat wird von Jürgen Baumert, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, und von Heinz-Elmar Tenorth, Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität, geleitet. Der Bundesländervergleich Pisa-E wird am Dienstag veröffentlicht.
In den vom Wissenschaftlichen Beirat genannten Stadtstaaten und Ländern wurden schon bei Pisa 2003 zwischen 24 und 30 Prozent der Schüler zur Risikogruppe im Lesen gezählt, an Hauptschulen waren es zwischen 70 und 75 Prozent.
(Quelle: ots / Der Tagesspiegel)
Als insgesamt erfreulich und positiv hat der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die heute veröffentlichten Ergebnisse des innerdeutschen Ländervergleichs im Rahmen von PISA-E bezeichnet. Er betonte: “Fast alle Bundesländer haben sich zum Teil sogar signifikant verbessert. Damit findet das international gute Abschneiden Deutschlands mit dem Vorrücken ins vordere Leistungsviertel im getesteten Schwerpunktbereich auch auf innerdeutscher Ebene seine Entsprechung.”
Der Bundesvorsitzende verwies darauf, dass sich Deutschland als eines von ganz wenigen an der PISA-Studie beteiligten Ländern von 2003 zu 2006 verbessert habe. Die Orientierung an stärkerer individueller Förderung und die dazu eingeleiteten Maßnahmen in vielen Bundesländern beginnen zu greifen, sagte Meidinger.
Besonders gratulierte der Verbandschef den ostdeutschen Bundesländern zu ihren fast durchgängig überdurchschnittlichen Leistungszuwächsen, womit sich Sachsen im internationalen Vergleich bei den Naturwissenschaften sogar hinter Finnland Platz 2 in der absoluten Spitzengruppe sichern konnte. Er sah die Gründe dafür unter anderem auch in den deutlich geringeren Klassenstärken in den neuen Bundesländern, in der dort insgesamt noch recht guten Lehrerversorgung und in den geringen Quoten von Kindern mit Migrationshintergrund.
Das Stagnieren oder leichte Rückschritte einzelner Bundesländer in Teilbereichen führte der DPhV-Vorsitzende auch darauf zurück, dass gerade im Süden und Westen der Bundesrepublik der Lehrermangel und der Unterrichtsausfall im Testzeitraum dramatische Ausmaße angenommen haben.
Auch habe sich wohl so manche hektisch durchgepeitschte Reform nicht immer als leistungsfördernd ausgewirkt. Schulen in Deutschland bräuchten einmal Verlässlichkeit der Rahmenbedingungen und Ruhe, damit begonnene Reformen mit Bedacht zu Ende geführt werden könnten.
Mit Blick auf die Spitzengruppe mit Sachsen, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg erklärte Meidinger: “Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass sich an der Spitze ausschließlich Bundesländer finden, die kontinuierlich über einen langen Zeitraum konsequent auf Leistung im Schulsystem Wert gelegt haben. Ob zwei- oder mehrgliedrig, alle Länder in der Spitzengruppe punkten mit klaren Eignungsvoraussetzungen beim Übergang auf weiterführende Schularten, mit seit langem praktizierten zentralen Abschlussprüfungen und mit differenzierten Abschlüssen.”
Der DPhV-Vorsitzende würdigte auch die Fortschritte bei der Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, wie sie sich z.B. besonders in Bayern zeigten. Er sagte dazu: “Jeder weiß, dass bei der sozialen Chancengerechtigkeit Erfolge nur sehr mühsam und langsam erzielt werden können. Um so erfreulicher sind die signifikanten Verbesserungen, die einige Bundesländer hierbei erzielen konnten. Wer diese Fortschritte permanent schlecht redet, hat dafür ideologische Gründe, weil er dem gegliederten Schulwesen diese Verbesserungen nicht gönnt!”
Als besonders besorgniserregend bezeichnete Meidinger die enorme Differenz innerhalb Deutschlands beispielsweise zwischen dem Spitzenreiter Sachsen und dem Schlusslicht Bremen und das wiederum miserable Abschneiden der großen Mehrheit der deutschen Gesamtschulen. “Wer angesichts dieser Ergebnisse auf eine neue Schulstruktur mit Einführung einer Schule für alle oder wie die SPD in Bremerhaven auf die Abschaffung des letzten dortigen Gymnasiums setzt, der ignoriert eben die Realität, wenn sie nicht zu seinen ideologischen Überzeugungen passt!”
Der Verbandsvorsitzende warnte allerdings davor, die PISA-Studien überzubewerten: “PISA zeigt nur einen ganz kleinen Ausschnitt dessen, was an deutschen Schulen geleistet wird. Weder finden sich darin der gesellschaftlich-ethische Fächerbereich, noch die gesamte musische Bildung, noch die in Deutschland besonders geförderten Fremd-sprachenkompetenzen. Selbst aus dem Bereich des Deutschunterrichts wird nur ein geringer Teilaspekt erfasst und etwa der gesamte Literaturunterricht ausgeblendet. Wer die Qualität deutscher Schulen auf PISA verkürzt, besitzt selbst einen arg reduzierten, ausgedürrten Bildungsbegriff!”
(Quelle: Deutscher Philologenverband)